Waschbärenkult und Niagarafälle in Toronto

In Toronto treffen wir Alvin wieder, mit dem wir im Norden von Laos in das einsame Bergdorf gewandert sind. Er macht gerade eine Pause vom Reisen, und bewohnt das Kellergeschoss im Haus seiner Eltern. Wir dürfen uns auf dem gemütlichen Schlafsofa einrichten.

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Toronto ist eine sehr schnelllebige und bunte Stadt. Man hat das Gefühl, fast jedes Land hat hier sein „little dies“ oder „jenes-town“. Und so besteht ein Großteil unseres Besuchs auch daraus, uns durch die vielen verschiedenen Küchen zu schlemmen, von chinesischem Dim Sun über koreanisches Barbeque bis hin zum lokalen Klassiker, Chicken Wings und Nachos, die wir wie es sich gehört zum Baseball in Nordamerikas busy-ster Bar vertilgen. Die Toronto Blue Jays haben es in den Meisterschaften so weit geschafft wie seit 20 Jahren nicht mehr. Dieses Spiel verlieren sie haushoch aber die Stimmung ist hervorragend.

Alvin kennt seine Heimatstadt wie seine Westentasche, und aus dem Auto bestaunen wir die Hochhäuser, die den Stadthighway säumen, sowie die bunten Farben in denen die Bäume am Straßenrand leuchten. Das Verkehrsaufkommen ist völlig verrückt. Unter den Massen an Autos und LKW, die sich jeden Tag durch die Stadt schieben bröckeln die Straßen und Brücken dahin, und gerade vier U-Bahnlinien sollen die 8 Millionen Einwohner der Metropolregion transportieren. Es gab vor einigen Jahren einen umfassenden Plan, den öffentlichen Nahverkehr auszubauen, sowie ein Radwegenetz anzulegen. Nachdem in der Stadt ein augenscheinlich wahnsinniger Bürgermeister regiert, ist dieses, als eines von vielen Projekten revidiert worden. Straßen seien nun mal für Autos da. Wenn es zu tödlichen Unfällen komme, hätten die Radler selbst schuld sagt der drogenabhängige Bürgermeister Rob Ford und kippt kurzerhand auch das  HIV-Präventionsprogramm, denn “normale” Bürger nicht seien von diesem Problem ja ohnehin nicht betroffen.

Ein Ausflug führt uns zu den Brick Works, einer alten Backsteinfabrik, die lange leer stand und den Sprayern der Stadt als Übungsraum diente. Vor einigen Jahren wurde das Gelände zu einem nachhaltigen Büro-, Geschäfts-, und Veranstaltungszentrum umgewandelt. Das ganze wurde unter weitgehendem Erhalt der ursprünglichen Bausubstanz und auch der vorhandenen Graffities entwickelt. Durch verschiedene Ansätze ist das, durch die Backsteinfabrik stark belastete Areal nun wieder nutzbar. Büros, Gastronomie und Farmers Marked, sowie Wanderwege durch die renaturierte Seenlandschaft locken nun die Menschen hierher. Zudem wurde ein schwer belasteter Teilbereich baulich versiegelt und wird als großer Parkplatz genutzt. Ein Shuttle Bus bringt die Menschen täglich von hieraus in die Downtown und nach Feierabend wieder zurück zum Auto. Eine gute Lösung der Verkehrsbelastung zur Rush Hour, wenngleich Armutszeugnis für die Stadtverwaltung aka Bürgermeister Ford.

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Waschbärs Twitter Account

Als wir in der Stadt sind, bringt es ein Waschbär posthum zur Berühmtheit. Nachdem der Kadaver des verkehrstoten Waschbärs über Tage am Bürgersteig liegt, ohne dass sich von städtischer Seite gekümmert wird, legen Passanten Blumen, Kerzen und anderes nieder und für kurze Zeit entsteht eine kleine Kultstätte, die sich online zu Beginn via Hashtag und später dann mit eigenem Twitter Account viral verbreitet. Am Ende wurde er dann ganz banal abgeholt. Man ließ es sich aber nicht nehmen eine Tatortabsperrung aufzubauen an dem Ort, an dem ein überfahrener Waschbär zu kurzem Ruhm kam. Auch Deutsche Zeitungen berichteten über diese Geschichte. Einfach Waschbär Toronto googlen.

Die Niagarafälle sind nur etwa 150km entfernt von Toronto, an der Grenze zu den USA. Und so lassen wir uns nicht lumpen und stürzen uns einen Tag in den Massentourismus. Wie erwartet begrüßen uns Hotelburgen und blinkende Kasinos und auf dem Weg vom Parkplatz zu den Wasserfällen verlaufen wir uns tatsächlich kurzzeitig in einem Vergnügungs-Spielautomaten-Center. Es scheint aber Nebensaison zu sein. Zumindest ist die touristische Infrastruktur bei weitem nicht ausgelastet.

Eigentlich gibt es zwei Wasserfälle, die „Horseshoe Falls“, die man als Niagarafälle kennt, und etwas weiter flussabwärts die American Falls, die nicht ganz so spektakulär aussehen, aber doch wesentlich zum Gesamteindruck beitragen. Eine öffentlich zugängliche Promenade bietet einen fantastischen Blick und wir gesellen uns zu den anderen Touristen und schlendern den Horseshoe Falls entgegen. 50m unter uns fahren die voll bepackten Touriboote mit Menschen in Plastikcapes durch den dichten Regen, den der Wind von den Fällen über den Fluss trägt.

Der Anblick der schieren Wassermassen, die über die Kante in die Tiefe stürzen ist spektakulär. Das Potential ist aber offenbar noch lange nicht ausgeschöpft. Seit einigen Jahren wird ein Teil des Wassers weit oberhalb der Niagarafälle umgeleitet und fließt zehn Kilometer durch einen fast dreizehn Meter hohen Tunnel in ein Wasserkraftwerk. Erst unterhalb der Fälle wird das Wasser dann wieder in den Fluss zurückgeführt. Nachts und in der Nebensaison fließt so konstant weniger Wasser seinen natürlichen Weg zu den Fällen, wodurch auch die schleichende Korrosion der Niagarafälle verlangsamt wird.

Vor allem in der Hauptsaison werden die Fälle dann morgens quasi per Knopfdruck angeschaltet, um den Besuchern das volle Naturschauspiel zu bieten. In der restlichen Zeit wird der Strombedarf von 160.000 kanadischen Haushalten gedeckt.

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